Guten TAG miteinander,

Weshalb verwende ich das Wort „TAG“?

  • T steht für Toleranz
  • A für Akzeptanz und
  • G für gegenseitige Wertschätzung.

Das ist die Basis des Blickrichtungswechsels: Die Haltung zu sich selber und zu seinem Gegenüber kennen zu lernen. Einmal in der Woche begleite ich in einer Einrichtung Bewohner in ihren unterschiedlichen Lebensphasen. Das bereichert mein Leben, denn die familiäre Atmosphäre und der Leitspruch dieses Hauses „Mehr Leben statt Pflege“ spricht mich an. 

Meine langjährige Freundin mit beginnender Demenz, mit der ich zwei Jahre zusammen gewohnt und gelebt habe, hat mir die Tür zu dieser Institution geöffnet. Sie verbrachte dort ihre Kurzzeit- und Verhinderungspflege, wenn ich auswärtige Termine wahrzunehmen hatte.

Löwenzahn - mein Lebensbegleiter

Mein zuverlässigster Freund auf meinem Lebensweg ist der Löwenzahn. Schon in frühester Jugend ist er mir begegnet. Während meiner Kinderzeit habe ich ihn am Straßenrand für die hungrigen, mümmelnden Kaninchen gesucht. Jedes Jahr freute ich mich auf die goldene Blütenpracht. Blumenkränze fürs Haar, Halsketten und Armbänder habe ich angefertigt. Aus den Stängeln sind "Wasserleitungen" entstanden und weitere fantasievolle Gebilde. Mit der Löwenzahnmilch machte ich meine ersten Schreibversuche.

Kinder lieben Löwenzahn. Erwachsene haben dazu eine andere Sichtweise. Von der Mutter erhielt ich oft Zurechtweisungen, mit dem Hinweis, den Kleidern besser Sorge zu tragen, dennoch konnte sie mich nicht von meinem Spielgefährten nicht trennen, besonders wenn sich der Löwenzahn zur Pusteblumen entfaltete. An den kleinen, silbern leuchtenden, schwebenden Fallschirmen konnte ich mich kaum sattsehen, staunte, pflückte, pustete und lachte.

Der Löwenzahn wird heiß geliebt und ebenso gehasst! Er verkriecht sich nicht und lässt sich nicht entmutigen. Seine Vitalität bleibt über das Verblühen hinaus, erhalten. Auch wird sein Lebensraum durch keinen Gartenzaun begrenzt. Er wächst überall und hat die Kraft Asphalt zu sprengen. Bei Armen und Reichen lässt er sich nieder. Er findet überall Heimat und ist international bekannt.

Lange betrachte ich eine geschlossene Blütenknospe. Sie ist prall gefüllt und voller Spannung. Bricht die Knospe auf, beginnt das Innere zu strahlen. Der Löwenzahn braucht Sonne, um zu blühen und sich zu entfalten.

Beim Betrachten einer sich entfaltenden goldenen Blüte kommt mir der Vers eines Liedes des Mystikers Gerhard Tersteegen in den Sinn:

Wie die zarten Blumen willig sich entfalten,
und der Sonne stille halten,
lass mich so
still und froh
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.

Nur wer sich öffnet, kann sich entfalten. Der Löwenzahn liebt wilde Freiheit, Wolken, Wind, Sonne und Regen. Er kann loslassen, nimmt Abschied von der goldenen, verblassenden Pracht des Blühens und wirft seine schrumpeligen Blütenblätter als Ballast ab. Wer blüht, wird ebenso verblühen und welken. Der Löwenzahn sträubt sich nicht, loszulassen. Er nimmt das Welken an und ist bereit sich zu verwandeln. Nach der Blüte verschließt er sich nochmals und wartet still auf den Weckruf der Sonne, um sich erneut als Pusteblume zu entfalten. Der Löwenzahn blüht also ein zweites Mal. Die hauchzarte, silberweiß schimmernde Wiese der Pusteblumen beglückt und begeistert mich immer wieder. Aus der zähen Pflanze ist ein zartes Gewächs geworden.

Der Löwenzahn streckt sich seinem besten „Freund“, dem Wind, entgegen. Dieser bläst ihm ins Gesicht und trägt seine winzigen, leichten Samenkörner wie kleine Fallschirme weit ins Land.

Ich bewundere den Löwenzahn. Ich wäre gerne so wie diese robuste, genügsame Pflanze. Sie trotzt allem Wetter, lässt sich nicht einschüchtern, sondern lebt ihr Sosein und Dasein. So oft ich dieser Blume begegne, freue ich mich. Mein Freund, der Löwenzahn, ist Symbol für meinen Lebensweg. Ich danke dir lieber Löwenzahn, dass es dich gibt. Eines weiß ich bestimmt, du wirst mich überleben.